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Ein gutes Leben – für alle!
Ein Montage-Essay zur Kulturarbeit in transkulturellen Sozialräumen

Ulrike Hemberger
décembre 2015

Index   

Texte intégral   

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Einleitung

1Januar 2010, Quito, Ecuador.
Eine Gruppe aus Vertreter_innen unterschiedlicher indigener Völker2 Amazoniens fahren mit dem Bus nach Quito. Dort wollen sie sich im 3-D-Kino den Film Avatar ansehen, der in Hollywoodmanier die Geschichte der Invasion fremder Kolonisatoren in eine, indigenen Kulturen entlehnte Phantasiegemeinschaft erzählt. Einer der Mitfahrenden spricht über seine Hoffnungen, wie Filme und andere Medien dazu beitragen könnten, seine Kultur zu bewahren.


“Actualmente nuestros mayores estan á descanto de vivir. Por lo tanto yo creo que video o qualquier documental que ha damos para nosotros es una historia, una educación para nuestra generación. Quase contrario todo la vida, todo lo que ese la vida ancestral, se terminerá. Lo mejor, todo los asumieremos, asimilaremos la vida occidental por eso acabariemos nuestro proprio civilización”

(„Im Moment beginnen unsere Alten zu gehen. Deshalb glaube ich, dass Video oder irgendeine Art von Dokumentation, die wir über uns anfertigen, dazu dient, unsere Geschichte zu bewahren und zur Erziehung unserer Generation beizutragen. Andernfalls wird alles Leben, alles was das Leben der Vorfahren ist, enden. Oder genauer, wir alle passen uns an westliches Leben an und damit wird unsere Zivilisation zu Ende gehen.“)
Interviewpassage aus: Hemberger/Thies 2010 c

2Die Dynamik von Kultur, als Grundlage für Kommunikation, Erinnerung und Weitergabe von Erfahrungen auf der einen und für Neugestaltung, Diversifizierung und Entwicklung auf der anderen ist der Grundstoff der „Sozialen Kulturarbeit“. Sie unterstützt und stärkt marginalisierte, in ihrer kulturellen und politischen Partizipation strukturell eingeschränkte Mitglieder der Gesellschaft in ihren Chancen zur aktiven Teilhabe. Es geht darum, sich Gehör zu verschaffen, gesehen zu werden und somit gesellschaftlichen Wandel wirksam mitzugestalten. Hier – und speziell beim Schwerpunkt Medien - liegt mein Lehr- und Forschungsfeld als Professorin an der Alice Salomon Hochschule (ASH), das dort seit den 1980er Jahren innerhalb der Studiengänge „Soziale Arbeit“ und „MA Praxisforschung in Sozialer Arbeit und Pädagogik“ zum festen Bestandteil des Curriculums entwickelt wurde. Heute ist die ASH landesweit und auch darüber hinaus bekannt für ihre innovativen Lehr- und Lernformate und die von ihr ausgehenden transkulturell ausgerichteten und oft interdisziplinären Projekte im Bereich ‚Kultur, Ästhetik, Medien in Sozialen Feldern’.
In diesem Kontext und auf dem Hintergrund meiner langjährigen Partnerschaft zwischen Musiker_innen, Filmemacher_innen und Natur- und Menschenrechtsaktivist_innen aus Deutschland und Ecuador begann ich dort im Winterhalbjahr 2009/10 mit den Recherchen zu einem Forschungsprojekt. Im Kontakt zu Praxisprojekten und Kolleg_innen an verschiedenen Universitäten3 hoffte ich andere als europäische Sichtweisen zu Globalisierung kennen zu lernen. Indem ich mit dortigen Kritikern und Kritikerinnen dieser weltweiten Entwicklung in einen direkten Austausch treten konnte, fand ich tatsächlich viele für mich neue Aspekte.
Mein erstes Resumée in Bezug auf meine Forschung und Lehre zur Sozialen Kulturarbeit: Eine kritische Auseinandersetzung mit der tendenziellen Nivellierung globaler kultureller Vielfalt ist substanziell angewiesen auf die Bereitschaft zu Perspektivwechseln. Und, damit diese Bereitschaft als Haltung wirksam werden kann, muss sie immer wieder praktiziert werden. Transkulturell orientierte Soziale Kulturarbeit bietet hierfür wertvolle Zugänge.

3 Zurück in Berlin konnten meine Kollegin Prof. Johanna Kaiser - ihr Schwerpunkt ist ‚Theaterarbeit in sozialen Feldern’ - und ich, mit einer besonders engagierten Gruppe von Studierenden 2012 ein Seminar ins Leben rufen, in dem wir über die Dauer von zwei Jahren in theoretischer wie praktischer Projektarbeit nach „Neuen Konzepten Sozialer Kultur- und Medienarbeit in Zeiten der Globalisierung“ suchen wollten.
Zunächst begannen wir im Seminar, unsere Interessen an diesem Thema zu klären, unser Wissen über Globalisierung und über die konkrete Situation unseres Partnerlandes zu erweitern. Wir befragten uns über unsere Perspektiven als Menschen, die fast alle im industrialisierten europäischen Lebenskontext groß geworden und in dortigen Denk- und Fühlweisen verwurzelt sind oder die dort, zumindest zur Zeit, ihren Lebensmittelpunkt haben.
Parallel knüpften wir an dem bereits existierenden Netzwerk mit Ecuador an und so konnten wir eine erste Begegnung im Juni 2013 in Berlin mit drei jungen Amazonasbewohner_innen von den Völkern der Achuar, Shuar und Zapara sowie mit vier Musiker_innen4 aus dem afroecuadorianischen Borbon auf die Beine stellen. Im Dezember 2013 reiste dann eine Gruppe junger Menschen aus Berlin zum Gegenbesuch nach Ecuador.

4Im folgenden beleuchte ich schlaglichtartig in einer Montage aus theoretischen Überlegungen, Kontextualisierungen und unterschiedlichen Sichten von  Beteiligten unsere Arbeitsweisen und Erfahrungen. Die - auch in unserer europäischen Wahrnehmung höchst bemerkenswerten - Entwicklungen in Lateinamerika, wie die Aufnahme indigener Prinzipien in dortige Verfassungen, und hier exemplarisch die politische Diskussion in Ecuador, werden verknüpft mit einem dringlich ebenfalls in den reichen Ländern zu führenden Diskurs um nachhaltig wirksame Veränderungen bisher dominanter industrieller Wirtschafts- und Lebensgestaltung.  

Im Zentrum Europa? – Soziale Kulturarbeit als Medium zur Dezentrierung des Blicks

 „Es wird ein ‚Wir‘ gegenüber dem ‚Anderen‘, oder auch oftmals gegenüber dem ‚Exotischen‘ geschaffen. Bestimmte Merkmale (In Lateinamerika tanzt man viel Salsa.) werden benutzt, um Menschen bestimmte Eigenschaften (Unsere Gäste können gut Salsa tanzen.) zu zusprechen. Menschen werden rassifiziert, denn die Herkunft soll angeblich über Eigenschaften, wie das Tanzen, aussagekräftig sein. Ob aber jemand gut Salsa tanzen kann oder nicht, hat nichts mit der Herkunft zu tun, sondern hängt vielmehr davon ab, wie man aufgewachsen ist, in welchem Umfeld man lebt, ob Tanzen einem Spaß macht, usw. Auch im Programm unseres Austauschs war ein Salsa-Abend eingeplant – gezeigt hat sich, dass manche unserer Gäste gar keine Salsa-Erfahrungen hatten und manche mehr Spaß daran als andere gefunden haben. Nicht alle unserer Gäste, die aus einer angeblich Salsa-affinen Gegend kommen, konnten also mit diesem Programmpunkt etwas anfangen.“
Reflexion der Studentin Laura Frahm, Berlin 09/2013

5Solche und ähnliche Beobachtungen und Gedanken wurden beim Gegenbesuch der deutschen Gruppe in Ecuador in einem deutsch-ecuadorianischen Theaterworkshop wieder aufgegriffen und zu einer kurzen Szene weiterbearbeitet. In anderen Szenen und auch in vielen Gesprächen wurden exotisierende, durch touristische Interessen geprägte und dominierende Blickmechanismen immer wieder thematisiert und untersucht. Einige der indigenen Teilnehmer_innen beschrieben eindrücklich, wie sie sich immer noch von neuem durch die Arbeitsweisen akademischer wissenschaftlicher Labore als Forschungsobjekte wiederfinden - und welche Ideen und Projekte sie verfolgen, um sich dagegen zu wehren, in dem sie Würde und Wertschätzung ihrer besonderen Erfahrungen und Denkweisen im Austausch mit  anderen weitervermitteln.
Im globalen Maßstab transportieren kulturelle Praxen in komplexen und dynamischen soziokulturellen Gedächtnisleistungen über Generationen und verschiedene gesellschaftliche Organisationsweisen hinweg Erfahrungen und Möglichkeitsräume der Menschheit. Um die Verbindung zwischen kultureller und biologischer Vielfalt stärker in den Vordergrund zu stellen, wird in der Erklärung einer UNESCO-Arbeitsgruppe (International Conference on Biological and Cultural Diversity 2010) das Konzept einer biocultural diversity vorgeschlagen. Als Vision könnten um dieses Begriffspaar transkulturelle kritische Praxen aufgespürt und in einem globalen Netz soziokultureller, nicht verwertungsorientierter Projekte weiterentwickelt werden. Denn die Suche nach Alternativen zum aktuell beherrschenden, natürliche wie kulturelle Ressourcen zerstörenden Diktat der Marktökonomie wird immer dringlicher. Allerdings gilt es hierbei auch tradierte und aktuelle Dominanz- und Machtverhältnisse wahrzunehmen. Zum Gegenstand der Reflexion wird somit auch immer wieder, wie sich diese auf verschiedenen gesellschaftlichen Diskursebenen realisieren.
Als Beispiel sei hier ein – nicht nur - in deutschen Medien häufig bedientes Diskursmuster angeführt, in dem sich Entwicklung in einem Zerrbild darstellt: Die aus europäischer Kulturgeschichte hervorgegangenen Gesellschaften des Nordens seien im 21. Jahrhundert angekommen, während andere, wie bspw. die arabischen noch großen Nachholbedarf hätten, denn diese seien noch im 19. Jahrhundert stecken geblieben (Häntzschel 2013). Ein solchermaßen lineares Verständnis von Geschichte und Entwicklung schließt ernsthaftes Interesse an der Vielzahl anderer kultureller und historischer Erfahrungen als der europäischen aus.
Ein anderer Fokus: Der Blick auf „Die Krise“ aus der Vogelperspektive auf konkrete Auswirkungen des Wachstumsdiktates im stattfindenden Feldzug neoliberaler Ökonomisierung nimmt die betroffenen Menschen nicht ernst. Die Verwobenheit der „eigenen“ Lebenswelt mit den Nöten der Menschen auf der „anderen Seite“ kann so weiter an den Rand des Wahrnehmungsfeldes geschoben und die daraus erwachsende Verantwortung verdrängt werden. In einer solchen Distanz gedeihen eher moralisierende Appelle als neue Erkenntnisse durch Dialog. Im Erleiden von Globalisierung, murrend ertragen als „Sachzwang“ – ein Begriff, der wieder einmal zur Tarnung von Machtverhältnissen herangezogen wird – wird die Initiative für Visionen und Veränderung geschwächt. Gelegenheiten für wirksame Kritik, zum Zusammenschluss benachteiligter Menschen, zur Aktivierung ihrer vielfältigen Erfahrungen und Wissensbestände bleiben verstellt.

6Eine letzte beispielhaft angeführte Variante solcher Blickverengungen ist im Diskurs zu Migration auszumachen: Im Kontext kritischer Bildungs- und Sozialarbeit wird darum gerungen, diese nicht weiter aus der Perspektive des sogenannten „Aufnahmelandes“ in dem schlichten Bild von „push-pull-Faktoren“ zu betrachten. Doch die Folgen der tief in Gesetzen, Politik, ökonomischer Struktur und gesellschaftlicher Praxis verwurzelten Ungleichbehandlung mit ihren durch nationale oder ethnische Ressentiments unterlegten Ausschlussmechanismen werden zuerst als Störung des Selbst- und Wunschbildes einer demokratischen partizipativen Gesellschaft empfunden.  Weiß-Sein bleibt im Zentrum, setzt die Norm und verpasst so viel zu häufig Gelegenheiten des respektvollen Zuhörens und Hinsehens. Bescheidene Offenheit für Erfahrungen anderer Menschen, unabhängig davon, wo innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie oder der durch Machtverhältnisse gestalteten Geografie diese ihr persönliches Erfahrungszentrum haben oder suchen, ist eine Haltung zur Welt, die von der europäischen Mainstream-Kultur immer wieder als unzeitgemäß abgetan wird.
In seinen auf eine Philosophie der Befreiung ausgerichteten Schriften formuliert Dussel 1974 als eine zentrale Methode die Actitud discipular, „als Hören auf die Stimme des Anderen in der Haltung dessen, der zu lernen bereit ist.“ (Speiser 1989, 12) Hier finden sich Verbindungen zu Methoden der Selbstbefremdung in der ethnographischen Forschung, aber auch zur Fähigkeit des „aktiven Zuhörens“, oder zur Entwicklung einer „forschenden Haltung“, wie sie als Schlüsselkompetenzen für Sozial- und Bildungsberufe zunehmend gefordert werden. Diese lassen sich allerdings nicht per Willensakt herstellen, quasi von einem Moment der Erkenntnis zum nächsten, in dem sie unmittelbar in verändertem Handeln wirksam werden könnten. Sie bedürfen vielmehr der systematischen und dauerhaften Anstrengung, die Erzeugung von Wirklichkeit in ihren widersprüchlichen Bewegungen wahrzunehmen und zu analysieren. Zunächst paradox erscheint dabei der Anspruch, stets auch die eigene Positioniertheit mit zum Thema der kritischen Betrachtung zu machen ohne gleichzeitig diese wieder in der Figur des Zentrums zu denken - dem im Selbst verankerten Ort, um den alles kreist, was beobachtet und analysiert wird, und welches dann als „das Andere“ einer imaginären Peripherie zustrebt. Durch auf Dauer angelegte Kommunikation in gemeinsamem forschendem und praktischem Handeln kann dieser Widerspruch zu einer produktiven und kreativen Kraft werden.
Indem Menschen aus unterschiedlichen Regionen der Welt bspw. in freien Erzählungen, narrativen Interviews oder im gemeinsamen künstlerischen Tun über ihre biographischen Erfahrungen berichten, können Verstehensprozesse nachhaltig initiiert werden.5

„Tagebucheintrag Berlin, 28.5.2013:
Am Montag waren wir in den Räumen des „Theater Der Erfahrungen“ und haben  geholfen den Workshop vorzubereiten und anzuleiten. …
Der Kulturschock ist groß, als ich auf dem Rückweg an dem sonnigen Abend mit Holger, Yanda (zwei der Austauschleute aus dem Amazonasgebiet) und Laura, einer Studentin, an einem kleinen Weiher in Tempelhof vorbeilaufe und einer der Austauschleute mich fragt, während wir von der Brücke auf das kleine Wasser schauen, ob hier Rituale durchgeführt werden. Rituale? „Nein“, sage ich und drehe mich zu der Kirche, die in unserem Rücken steht, ein Betonbau aus den 60ern vielleicht. „Rituale finden bei uns hauptsächlich noch in Kirchen statt“. Und ich drehe mich um und deute auf die Betonkirche, aus den 60er Jahren, vielleicht ein wenig spiritueller Ort, wie ich finde. Im Spiegel seiner Kultur kommt mir meine verkümmert vor. Er fragt: „Lebt ihr nur für die Arbeit?“ und will meine Auskünfte über Staatliche Hilfen verstehen. Sofort stelle ich alles in Frage, meine Arbeit, meine Wohnung, meine Beziehung. (…)’
In der beschriebenen Situation wird für mich erfahrbar, wie sich unsere, meine und Yandas Kultur, und unser Verständnis vom Leben in einer Gemeinschaft, die Welt in der wir leben und die Art und Weise wie wir Dinge wahrnehmen und interpretieren, voneinander unterscheiden. Deshalb habe ich sie ausgewählt. Mir war vorher bekannt, dass dem so ist, trotzdem habe ich in diesem Moment etwas erlebt, etwas erfahren. Diese Erfahrbarkeit möchte ich näher beleuchten, denn ich glaube, dass es sich um eine besondere Erfahrbarkeit handelt, die nur durch Begegnung möglich werden kann. Was ist genau passiert in dieser Situation?
Ich wurde nach etwas gefragt, auf dass ich nicht gekommen wäre. Es hat mich überrascht, dass mein Gast mich hier nach Ritualen gefragt hat, wo ich gar nicht daran gedacht habe. Meine persönliche Bedeutungszuschreibung für diesen Ort wurde durch die Frage meines Gastes in Frage gestellt. Er sah in dem Ort ein Potential das ich nicht gesehen hatte...
... Ich fühle mich an meine Gedanken vom Vorabend erinnert, als die Leitung des Nachbarschaftsheimes Schöneberg unseren Gästen den Nutzen der Einrichtung erklärte. In diesem Zusammenhang wird erklärt, wie wenig manche Menschen hier in
Berlin in gemeinschaftlichen Strukturen leben, und wie das Nachbarschaftsheim versucht gemeinschaftlichen Erlebnisse wiederherzustellen, z.B. durch alltägliche Dinge wie die gemeinsame Zubereitung von Speisen. Ich höre den Bericht mit anderen Ohren als sonst, weil ich an meine Gedanken zu den Ritualen in unserer Gesellschaft und in Yandas Kultur denke. Der Sinn der Angebote wie des Nachbarschaftsheimes, deren Nutzen für den Einzelnen und für die Gemeinschaft, sind mir in dieser interkulturellen Begegnung besonders deutlich geworden.
Ich blicke jetzt manchmal anders auf kleine Tümpel im innerstädtischen Raum und auf die Arbeit eines Nachbarschaftsheimes. Leider habe ich versäumt zu fragen was genau Yanda für ein Ritual gemeint hat. Wie schade, dass ich ihn nicht näher gefragt habe!“
Reflexion der Studentin Katharina Flemming, Berlin 09/2013

Buen Vivir – Indigene Kosmovisionen als Impulsgeber für einen „globalen Weckruf zum Wandel“6

„Triste,... Triste somos. La riqueza sale de este lugar, aber lo que nos den es pobreza aqui y enfermos, desnutridos, tristes, así se ven aqui.”
„Traurig, ... traurig sind wir. Der Reichtum kommt von hier, aber wir sind krank, unterernährt, vergiftet.“ Interviewpassage aus: Hemberger/Thies 2010 c
„Unsere ecuadorianischen Partner kannten sich untereinander kaum, denn sie kommen aus ganz verschiedenen Lebenswelten. Die Musiker und Musikerinnen aus Borbon leben in der Küstenregion, in der die Mangrovenwälder zu großen Teilen zuerst den Goldsuchern, dann den Kautschukbaronen und nun den multinationalen Konzernen mit ihren Shrimpsbecken und Ölpalmplantagen zum Opfer gefallen sind. Eine verarmte, ihrer subistenzwirtschaftlichen Lebensgrundlagen beraubte Bevölkerung kämpft hier in prekären Situationen um ihr Überleben. Die indigenen Gäste dagegen kommen aus Amazoniens Regenwaldgebieten. Diese  waren auch bereits an vielen Stellen wilden Abholzungen oder den Folgen einer von Missionaren eingeführten Viehwirtschaft ausgesetzt und werden nun in immer größeren Gebieten durch Minen- und Ölförderung zerstört. Hier aber bestehen heute noch große zusammenhängende Primärwälder mit ihrem einzigartigen Reichtum an Natur und Diversität. Und so staunte Yanda Ushigua (Zapara), dass wir es in diesem unserem vermeintlich reichen Deutschland nicht schaffen die Spree so zu erhalten, dass wir hinein springen und darin baden, Fische daraus angeln und diese essen können.
Angesichts der massiven und brandaktuellen Bestrebungen, die Lebenswelt unserer Gäste dem Öl zu opfern, entwickelten wir im Laufe unseres Austausches auch immer wieder  Aktivitäten mit Kampagnencharakter. Die Gäste aus Borbon befeuerten durch ihre Musik und Tanz die Veranstaltungen und gaben einen Einblick in ihr 20jähriges Engagement für den Aufbau einer Musikschule für Jugendliche. Auf diese Weise kam es auch zu einem inhaltlichen Erfahrungsaustausch zwischen den vermeintlich so unterschiedlichen Gästen, der in dem an die indigenen Kolleg_innen gerichteten Satz des afroecuadorianischen Musikers Juan Pablo gipfelte: ‘Wir bewundern euren Kampfgeist. Manchmal wünschte ich mir, unsere Eltern und Großeltern hätten die Vernichtung der Mangrovenwälder verhindern können. Was uns jetzt noch bleibt, ist wenigstens in den Liedern das kulturelle Erbe zu bewahren oder es wieder auszugraben.“
Auszug aus Artikel von Johanna Kaiser, Professorin für Theater in Sozialen Feldern (Kaiser 2014)

7In Ecuador und Bolivien wurden vor kurzer Zeit zum ersten Mal Elemente indigener Kulturen in Verfassungen aufgenommen. Ein wichtiger Impuls für die Debatte um die Frage, wie und von wem Lebensqualität zukünftig in einer global interdependenten Welt definiert werden soll. Auf welche Weise kann zwischen und innerhalb der komplex aufeinander bezogenen Regionen ein Modus gefunden werden, in dem Definitionen für Basisrechte auf ein gutes Leben aller Menschen partizipativ ausgehandelt und gestaltet werden können? Schon alleine die Vorstellung eines solchen Unterfangens erfordert die Ermöglichung utopischen Denkens in freier kreativer und kommunikativer Betätigung.
In der 2007 u.a. auch durch Ecuador und Deutschland eingebrachten Erklärung 61/295 der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker7 wird u.a. in Artikel 11 folgendes Recht formuliert:

„Indigene Völker haben das Recht, ihre kulturellen Traditionen und Bräuche zu pflegen und wiederzubeleben. Dazu gehört das Recht, die vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Erscheinungsformen ihrer Kultur, wie beispielsweise archäologische und historische Stätten, Artefakte, Muster, Riten, Techniken, bildende und darstellende Künste und Literatur, zu bewahren, zu schützen und weiterzuentwickeln.“

8Dagegen stimmten von 158 Ländern lediglich Australien, Kanada, Neuseeland und die USA. Zentrale Streitpunkte sind immer wieder die Artikel zu Landrechten und Rechten an Bodenschätzen. Diese sind auch in Ecuador unter der mit Hilfe starker Stimmanteile der indigenen Bevölkerung 2013 zum zweiten mal gewählten Regierung Raphael Correa Ursache für starke Konflikte zwischen Regierung und Internationalen Konzernen auf der einen und indigener wie auch mestizischer, verarmter Landbevölkerung auf der anderen Seite. Aktuell löste die 11. Runde zur staatlichen Lizenzvergabe großflächiger Ölfördergebiete im ecuadorianischen Zuflussgebiet des Amazonasbeckens heftige Proteste aus. Die dort lebenden Menschen wissen, dass deren Umsetzung, wie bereits im nördlichen Teil des ecuadorianischen Amazoniens geschehen, für sie die Vertreibung aus ihren angestammten Gebieten bedeuten würde. Weitere Teile eines der weltweit artenreichsten Regenwaldgebietes würden der Zerstörung preisgegeben.
Dieser Grundkonflikt spiegelt sich auch in der langjährige Debatte der UN zur Verwendung der Begriffe „indigenous people“ (indigene Menschen) gegenüber „indigenous peoples“, (indigene Völker) wieder. Dort, wo letzteres rechtlich verankert ist, hat dies weiterreichende völkerrechtliche Konsequenzen zu Gunsten indigener Land- und Ressourcenrechte (Lempp 2007). In Ecuador konnten sich einige, meist die größeren indigenen Völker seit den 80er Jahren in zunehmendem Maße organisieren. Dies hat bis heute zu zahlreichen Veränderungen der ecuadorianischen Gesellschaft wie bspw. die bereits seit den 90er Jahren staatlich geförderten Einführung bilingualer Bildungsangebote geführt. Dennoch litten indigene und auch afroecuadorianische Menschen bis vor kurzem nach wie vor unter im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen krasser Rechtlosigkeit. Missachtung und Raub ihrer Stammesgebiete, Ungleichbehandlung in Bezug auf die öffentliche soziale und gesundheitliche Versorgung und massive Diskriminierung gehörten zur Normalität der Gesellschaft. Dies beginnt sich für einige Bereiche allmählich zu wandeln. Besondere Aufmerksamkeit über die Landesgrenzen hinaus erregten zwei Artikel, die 2008 in die - unter Beteiligung indigener Vertreter und Vertreterinnen erarbeitete - neue Verfassung Ecuadors aufgenommen wurden. Einer greift das  Sumak Kawsay, übersetzt mit „Buen Vivir“ (auf deutsch „Gutes Leben“) auf.

„In den indigenen Gesellschaften ... (wird) die Idee eines linearen Prozesses von einem Ausgangszustand zu einem späteren Zustand ... nicht geteilt und somit auch nicht das Konzept von Unterentwicklung, die überwunden werden müsste. In den indigenen Kosmovisionen ist der soziale Fortschritt – die Entwicklung? – eine Kategorie, die ständig konstruiert und reproduziert wird. Dabei geht es um das Leben an sich. Aus dieser holistischen Sicht und aufgrund der Vielfalt von Elementen, die das Buen Vivir ermöglichen, sind die materiellen Güter nicht die einzigen Determinanten. Es gibt andere Werte mit großer Bedeutung: das Wissen und die Erfahrungen, die soziale und kulturelle Anerkennung, ethische und spirituelle Werte in der Beziehung zwischen Gesellschaft und Umwelt, menschliche Werte, die Vision der Zukunft u.a.m.“(Acosta 2010, 219).

9In dem weiteren Verfassungsziel, der Wahrung der „Derechos de la Naturaleza“ - Rechte der Natur - werden aus der Vorstellung von Natur als Rechtsträgerin fundamentale Menschenrechte, wie bspw. das Recht auf Wasser abgeleitet (Acosta 2007). Die Regierung unter Raphael Correa, setzt dagegen, der Staat sei auf finanzielle Mittel zur Entwicklung des Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesens sowie der Infrastruktur des Landes angewiesen. Sie verhandelt mit internationalen Konzernen über weitere Schürf- und Förderrechte in großem Maßstab. Andernfalls sollten doch die Völker Amazoniens Vorschläge machen, wie sie das nötige Geld auf ihre Weise zu beschaffen dächten. Die Regierung sieht hinter sich eine zunehmend städtisch orientierte und am Aufstieg in eine zur Zeit wachsende Mittelschicht interessierte Bevölkerungsmehrheit. Die indigene wie auch verarmte mestizische Landbevölkerung sieht sich gezwungen sich zu wehren, da diese Form der Entwicklung auf ihre Kosten beschleunigt durchgezogen werden soll. Die Konflikte zwischen der Bevölkerung Amazoniens und der Regierung und auch innerhalb der Bevölkerungsgruppen nehmen in den letzten Jahren zu. Die skizzierten Verfassungsziele würden, so die zur Gegnerschaft gegen die Regierung gedrängte indigene und ländliche Bevölkerung, unterlaufen und von neuem sehe sie sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Aber inzwischen verfügen indigene Organisationen und Gemeinden in wachsendem Maße über moderne Mittel der Kommunikation untereinander und sie erreichen auch eine Öffentlichkeit weit über die Landesgrenzen hinweg. Es gibt prominente Fälle, in denen sie mit ihrem Widerstand beachtliche Erfolge erzielen konnten: Einwohner der Erdölförderregion im Nordosten Ecuadors und mehrere regionale Menschenrechts-organisationen verklagten den Ölkonzern Chevron Texaco 1993 in einem Musterprozess die durch ihn verursachten Umweltschäden auf 1,5 Millionen Hektar ihrer Stammesgebiete im Amazonasgebiet wieder zu beheben. Es geht um die größte Umweltverschmutzung, die je ein Ölkonzern angerichtet hat.  2011 verpflichtete das Gericht in Lago Agrio das Unternehmen Chevron/Texaco zu einer Entschädigung von 8 Mrd. US Dollar zur Reinigung der Böden und Flüsse. Der Konzern hat bis heute nicht bezahlt.
Zur Verhinderung solcher Ölförderprojekte bereits im Vorfeld konnte die Gemeinde Sarayacu einen ermutigenden Erfolg erreichen. Sie gewann einen Prozess vor dem Interamerikanischen Menschengerichtshof gegen den ecuadorianischen Staat, bei dem es um die Durchsetzung ihrer Landrechte ging. Der Fall Saryacu wurde international berühmt und hat gleichzeitig auch in den weit voneinander entfernt liegenden Gemeinden in den Regenwäldern des Amazonastieflandes Vorbildcharakter erlangt.
Auf den Gemeindeversammlungen in Sarayacu werden traditionellerweise Debatten über wichtige Entscheidungen so lange geführt, bis eine Lösung gefunden wird, die von allen getragen werden kann. In der Konfrontation mit Staat und Ölkonzern  wurden diese immer ausgedehnter. Die Vorbereitungen für die Ölbohrungen hatten bereits unrechtmäßigerweise begonnen. Die Ölfördergesellschaft hatte Versprechungen gemacht wie zum Beispiel den Bau eines medizinischen Zentrums. Einzelnen Familien war Geld für ihre Umsiedlung in Aussicht gestellt worden, in der Gemeinde gingen Gerüchte um. Gezielte Desinformationen und die große Verunsicherung, wie auf die Situation zu reagieren sei, drohten die Gemeinde zu spalten. Auf einer der Versammlungen kam man zu dem Schluss, sich selbst ein genaueres Bild über die Situation in bereits durch Ölförderung betroffenen Gemeinden einzuholen. Heriberto Gualinga, ein junger Mann, der seit einiger Zeit mit einer Videokamera - einem Geschenk seines  emigrierten Onkels - in der Gemeinde gefilmt hatte, wurde beauftragt, in den Norden zu fahren. Sein Film wurde mit dem bolivianischen ANACONDA-Filmpreis ausgezeichnet und seither auf der ganzen Welt gezeigt. (Gualinga 2003)
Beim zurzeit stattfindenden Aufbau einer mobilen Medienakademie wird Sarayacu, in mitten des Urwaldes gelegen, einer der Knotenpunkte sein, zu denen junge Erwachsene aus entlegeneren indigenen Gemeinden gelangen können, um in Kursen Radiomachen und Filmen zu lernen. Im Zentrum steht einerseits die Dokumentation von Erzählungen, überlieferten Ritualen sowie handwerklicher und künstlerischer Arbeit. Auf der anderen Seite sollen Berichte und Positionen der Dorfbewohner zu den aktuellen Herausforderungen für ihre Stämme aufgenommen und weitergegeben werden. Selbstbestimmung über die eigene Lebensweise und deren Veränderungen zu bewahren oder diese wieder zu erlangen, ist angesichts der starken Interessen internationaler Konzerne und des ecuadorianischen Staates kein leichtes Unterfangen. Die Kämpfe darum machen deutlich, dass das „Buen vivir“, das als Denktradition der Ureinwohner Lateinamerikas einerseits über Jahrhunderte lang gewachsenes Wissen bewahrt, „gleichzeitig aber auch die sozialen Kämpfe indigener Bewegungen um Anerkennung und Menschenrechte von der Kolonialzeit bis heute widerspiegelt.“ (Acosta; Cray  48)

10Gleichzeitig sind die Vertretungen indigener Gruppen mit solchen und anderen Aktivitäten auch mit Initiativen in anderen Regionen der Welt vernetzt, die sich für Umweltgerechtigkeit engagieren. Die Hoffnung, die in der Übernahme dieses Konzeptes auch für die Diskurse in den reichen Ländern liegen, sind dort weniger romantisch motiviert als vielmehr aus der Einsicht begründet, dass ein radikaler Wandel, auf der Basis einer Postwachstumsökonomie (Paech 103) unumgänglich und dringen anzugehen sei. „Das Buen Vivir als normatives Konstrukt bedeutet dabei zunächst eine starke Unterfütterung eines postmateriellen Lebens- und Konsumstils überhaupt, ins Leben gerufen nicht von einem westeuropäischen Think-Tank, sondern von denen, die die Erfahrung des „Fluchs der Ressourcen“ über Jahrhunderte hinweg erdulden mussten.“ (Acosta/Cray 54)
In diesem Zusammenhang griff Präsident Raphael Correa in einer Rede an der Technischen Universität Berlin8 ein tatsächlich widersprüchliches Verhältnis zwischen Nichtregierungsorganisationen aus reichen Weltregionen und indigenen Positionen auf: Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit und NGO’s des „Nordens“ verfolgten eigene Interessen, die es von Ländern wie Ecuador politisch einzuordnen gilt. Auffällig aber ist, dass die Regierung eine solch kritische Haltung vor allem dann demonstriert, wenn es ihr darum geht, gegen NGO’s zu polemisieren, die sich für Umweltschutz, Menschenrechte und freie Meinungsäußerung einsetzen.
Bereits seit 2010 wurden Community-Radiosender Im Dezember 2013 an ihrer Arbeit behindert und in den wöchentlichen Fernsehauftritten des Präsidenten werden regelmäßig nicht auf Regierungslinie liegenden Positionen und Personen, die sie vertreten, angeprangert. Die 2013 nach langer kontroverser Diskussion verabschiedeten Pressegesetze und darüber hinaus auch Verordnungen, die es der Regierung zunehmend ermöglichen an demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen vorbei zu agieren, werden im Land selbst aber auch in der internationalen Öffentlichkeit stark kritisiert. Im Dezember 2013 wurde die ecuadorianische NGO „Fundación Pacha Mama“9, welche die Kommunikation und Vernetzung indigener Völker in Amazonien und auch über die Landesgrenzen hinaus unterstützt, verboten. Zum gleichen Zeitpunkt wird auch die Initiative „yasunido“ von staatlicher Seite in Ihren Aktivitäten behindert. Diese sammelt zur Zeit die für eine Volksabstimmung die verfassungsrechtlich vorgesehenen Unterschriften, um einen Volksentscheid über die Wiederaufnahme des von der ecuadorianischen Regierung initiierten, aber durch sie selbst wieder zurückgezogenen Vorschlages „ITT-Yasuní“ herbeizuführen. Dabei geht es um den finanziellen Ausgleich durch reiche Länder, für den Fall, dass Öl nicht gefördert und Umwelt erhalten wird. Indigene Gruppen und auch Einzelpersonen, die gegen sie betreffende Regierungsmaßnahmen protestieren, werden in den Medien in ihrer Position nicht ernst genommen und als in der Entwicklung zurückgeblieben lächerlich gemacht. So werden Chancen zur partizipativen Entwicklung eines neuen und auch von bisher ausgegrenzten Teilen der Bevölkerung unterstützten Wirtschafts- und Gesellschaftmodells in diesem Konfliktfeld blockiert. Gerade in ihrer massiven Gegnerschaft gegenüber kritischen, an Umweltschutz und Menschenrechten orientierten Positionen befördert die Regierung eine Verhärtung der Fronten und eskaliert die Auseinandersetzung um Interessensgegensätze. Viele der existenziell von der Politik des ‚Extractivismo’10 betroffenen Menschen in Amazonien, die Raphael Correa gewählt hatten, sind nun enttäuscht, hatten sie doch gehofft, dass diese den Aufbruch der Gesellschaft auf ihrem Weg zu einer von allen, auch den bisher gesellschaftlich an den Rand gedrängten Bevölkerungsgruppen getragenen Entwicklung unterstützen wird.

In ihren Kommentaren nach dem Film „Avatar“ im Foyer des 3-D-Kinos in Quito brachten ein Mann und eine Frau aus amazonischen Gemeinden dies in ambivalenten Positionen auf den Punkt:
„Die Indigenen haben die Tür für Gespräch, für Dialog bereits geöffnet. Voraussetzung, dass Zusammenarbeit möglich ist, ist Dialog. Könnte ich etwas Ähnliches tun wie im Film? Das könnte geschehen, weil wir bereit sind. Wir haben keine Angst.“
„In diesem Film wird kein Dialog gezeigt. Er zeigt Krieg. Wenn die einzige Lösung Krieg ist, dann ... -.  Im Film werden die Probleme nicht gelöst. Alles wird zerstört zurück gelassen und gleichzeitig wurden Menschenleben gelassen. Ich denke, da muss es eine andere Botschaft geben.“ Interviewpassage aus Hemberger; Thies 2009 b

 Das Gute Leben – Kulturarbeit in Zeiten der Veränderung

11In diesem Spannungsfeld suchen Menschen in den von Armut und Umweltzerstörung betroffenen Regionen selbstorganisiert nach langfristig wirksamen Lösungen zur Bewahrung ihres kulturellen Erbes sowie nach eigenständigen Perspektiven für die Gestaltung ihrer kommunalen Entwicklung. Zugänge zu industriell gefertigten Waren und neuen Technologien, wachsende Verstädterung und vielfältige Migrationsformen11 haben das Aufeinandertreffen der zahlreichen indigenen und mestizischen Bevölkerungsgruppen Ecuadors, die teilweise noch in der vorangegangenen Generation keinen oder wenig Kontakt miteinander hatten, ermöglicht. Die Nutzung von Radio- und Funkmedien ist in einigen Regionen Lateinamerikas, so auch in Ecuador, zwar seit Jahrzehnten verbreitet, nun eröffnen aber Computer- und Internettechnologie völlig neue Dimensionen der Kommunikation und Vernetzung untereinander. Traditionelle Systeme der Wissensweitergabe und damit das Bewusstsein für die eigene Geschichte und die der benachbarten Gruppen verändern sich. Sie werden einerseits fragmentarisch, teilweise lösen sie sich fast ganz auf12, andererseits können Zugänge zu neuen Informationen gefunden und verdrängte Erfahrungen früherer Epochen zur Sprache gebracht werden.

 „Als wir von der zehrenden neunstündigen Wanderung durch den tropischen Wald ankommen, stehen die Bewohner_innen und viele kleine Kinder von Yuwints13 schon wartend am Eingang des Hauptgebäudes. Sie empfangen uns feierlich, umarmend und herzlich. Rucksäcke runter, Gummistiefel abgeschüttelt und nassgeschwitzte T-Shirts ausgezogen schnell zum Fluss, um                                                                                 sich abzukühlen. Ein kleiner Weg über Stock und Stein führt zum Ufer. Felsige Steinvorsprünge, bieten optimalen Einstieg ins kalte Flusswasser, ein Kanu schwimmt auf der anderen Seite, Lianen hängen ins Wasser…
… Alle Dorfbewohner_innen und Familienmitglieder, die sich mit uns auf dem Gelände der „Academía Amazonica“ aufhalten, laufen während unseres Besuchs, in ihren „traditionellen Trachten“ herum. Die Männer tragen ein knielanges Tuch um ihre Hüfte und zwei lange Ketten über Brust und Rücken. Die Frauen haben Kleider, die einseitig über die Schulter verlaufen, in dunkelblau; dazu tragen sie Ketten und Federohrringe. Sobald sie in ihr Dorf zurückkehren, legen sie die „Gewänder“ ab und ziehen wieder ihre alltägliche Kleidung an.
Abends wird uns ein kulturelles Programm geboten. Wir sitzen am Lagerfeuer im „Wohnzimmer“ der „Academía Amazonica“, eine große überdachte Terrasse mit Blick auf den Regenwald. Die BewohnerInnen und Kinder sitzen im Halbkreis, auf kleinen Baumstämmen und halten Speere und Flöten in der Hand. Abwechselnd werden uns Tänze und Lieder und traditionelle Begrüßungen dargeboten.
Teilweise fragen wir uns, ob es so etwas wie eine Illusion ist, die aufrechterhalten werden soll? Ist es eine Konstruktion von etwas, was vielleicht früher mal so war? Soll uns auf diese Weise „ursprüngliche Kultur“ näher gebracht werden? Was ist das eigentlich: Ursprünglichkeit? Wozu diese „kulturelle Show“? Wird so zum Erhalt der Kultur beigetragen? Und schlussendlich wird immer wieder die Frage nach der Berechtigung oder Legitimation für den Aufenthalt von uns aufgeworfen: Wir, als „VerursacherInnen“ von Ausbeutung und Zerstörung, wir, die wir aus der westlichen Welt, hier im Regenwald Ecuadors in der Gemeinschaft von Yuwints sitzen. Als was sind wir hier? Als Konsumenten? Als Unterstützer? Müssen wir nicht mehr tun?
Wie wir später im Gespräch mit Holger und seinem Vater erfahren, ist das Konzept des Projekts „Academía Amazonica“ genau danach ausgelegt, gemeinsame Wege auszuarbeiten und sich in der Findung von Alternativen gegenseitig zu unterstützen. Es geht um Verständnis, Wissensverbreitung und Bewusstseinserweiterung. So meint Holger "Der Regenwald gehört nicht nur den Leuten, die dort wohnen, sondern Allen! In Anbetracht der Tatsache, dass der Regenwald wegen der Erdölförderung seitens internationaler Konzerne sehr bedroht ist, haben wir in meiner Gemeinde ein Alternativprojekt entwickelt. Dieses Alternativprojekt hat zum Ziel, dass das politische Konzept des „Buen Vivir“14 auch endlich unsere Dörfer erreicht und unserer Generation eine bessere Zukunft garantiert.“
Reflexionsarbeit der Studentin Selina Thylmann, Berlin,  2014

12 In Yuvints wie in anderen Gemeinden veränderten sich zentrale Elemente der Lebenspraxis innerhalb von nur einer Generation so stark, dass die Menschen ihre, vormals das soziale Gefüge tragenden kulturellen Riten verändern mussten. In Sarayacu z.B. liegt eine besondere symbolische Bedeutung des über mehrere Tage dauernden jährlichen Dorffestes in der Zubereitung und im Konsum einer verhältnismäßig großen Menge an Fisch und Fleisch. Aufgrund negativer Umwelteinflüsse haben sich aber die dafür zu jagenden Tiere aus den erreichbaren Wäldern zurückgezogen. Um weitere Überjagung zu verhindern, beschloss die Gemeinde dieses Fest nun nur noch alle vier Jahre durchzuführen.
Wie widersprüchlich sich die Situation für die betroffenen Bevölkerungsgruppen darstellen muss zeigt sich auch an folgendem Beispiel: Das Gleichgewicht zwischen Bevölkerungswachstum und natürlichen Ressourcen der Urwaldgemeinden gerät nicht nur auf Grund zerstörerischer Eingriffe in das Ökosystem ins Wanken, sondern auch bedingt durch den Einzug westlicher Medizin und einer daraus resultierenden erhöhten Lebenserwartung.15
Mit den Veränderungsanforderungen pragmatisch und selbstbewusst zugleich umzugehen, sehen viele Bewohner des Urwaldes als Chance, ihr kulturelles Wissen nicht für immer zu verlieren. Zunehmend werden in den Gemeinden Projekte gegründet, die neue Bildungsangebote entwickeln, indem sie Kulturtechniken der ‚Moderne‘ mit den Lehr- und Lernweisen der indigenen Kulturen bewusst konfrontieren um zu prüfen, ob und wie sich diese verbinden lassen. Man hofft, dass auf diese Weise - neben dem Spanischen und zunehmend auch Englischen - die eigenen Sprachen, sowie performative und gestalterische Kulturtechniken weiter gepflegt werden. Denn nur im Gebrauch können tradierte Kenntnisse in der sich verändernden Kultur weiter lebendig bleiben. Zudem wird damit die Hoffnung verbunden, den Druck zur Emigration der an Austausch und vielfältiger Bildung interessierten jungen Generation wieder zu verringern. Wer in der Nähe seiner Gemeinde Bildungsangebote wahrnehmen kann, ist nicht gezwungen, über Jahre zur Ausbildung in eine Stadt umzusiedeln.

13Das Projekt einer Schule für Medien- und Kulturarbeit in Amazonien ist auf diesem Hintergrund in einer mobilen Struktur gedacht. Die Schüler und Schülerinnen werden in ihren Gemeinden mit audiovisuellen Medien Interviews führen, versuchen den Dialog und die Auseinandersetzung der Gemeindemitglieder festzuhalten und die künstlerischen und alltagsgestaltenden Elemente ihrer je besonderen kulturellen Praxis zu dokumentieren. Hier werden auch die stattfindenden Veränderungen thematisierbar. Ein wichtiges Anliegen ist es, den verschiedenen Völkern Amazoniens ein gemeinsames Forum zu geben, in dem sie ihre Erfahrungen und Ideen zusammenbringen können, wie mit den veränderten Anforderungen umzugehen sei. Als Bindeglied ist ein Kultur- und Medienzentrum, voraussichtlich in Puyo konzipiert. Denn die inzwischen dort dauerhaft ansässig gewordenen indigenen Vertreter der Stämme haben bisher noch keinen Ort zum kulturellen Austausch untereinander. Mit ihren Familien bildeten sie zwar in den letzten Jahren eine neue Schicht in der Kleinstadt, was sie tendenziell von ihren Gemeinden entfremden könnte, zugleich aber sind sie in Puyo selbst mit ihren kulturellen Hintergründen wenig sichtbar. Damit fehlt dort eine starke und lebendige Vertretung indigener Interessen und Konzepte auf kultureller Ebene. Die jungen Menschen, die sich aktiv für ihre Gemeinden einsetzen wollen, möchten hier eine vermittelnde Funktion übernehmen, um auch die Kommunikation zwischen den Menschen, die weit entfernt im Wald leben, mit ihren Vertretern in den Zentren wieder zu stärken.
In den Gemeinden selbst erhofft man sich durch eine selbstaktive Öffnung gegenüber benachbarten indigenen, wie auch westlich geprägten Einflüssen, die Richtung, in die Entwicklung gehen soll, besser steuern zu können. Hierbei spielt Geld als Ressource eine zentrale Rolle. Die frühere subsistenzwirtschaftliche Lebensweise lässt sich unter den bereits erfolgten Einschränkungen auch hier nicht mehr in dem Maße aufrechterhalten wie bisher. Bedürfnisse wie z.B. erweiterte medizinische Versorgungs- und Bildungsmöglichkeiten erfordern finanzielle Mittel. Um nicht dauerhaft von der Förderung durch Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit abhängig zu bleiben, werden mikroökonomische Projekte aufgebaut und erprobt. Dabei geht es bspw. um die Vermarktung von handwerklichen Produkten oder um den Handel mit Pflanzen für medizinische Zwecke und dem zugehörigen Wissen. Und zunehmend setzen die Gemeinden auf einen ökologisch, oft auch interkulturell orientierten Tourismus. Diese Projekte führen zu einer Form von Austausch, die einerseits das gegenseitige Verständnis zwischen Menschen des Nordens und Südens fördern kann, andererseits aber wir auch die Gefahr gesehen, dass sie die in den Gemeinden gewachsenen Strukturen beeinträchtigen und zur Schwächung sozialen Zusammenhaltes beitragen.
Beim Besuch der Austauschgruppe im Dezember 2013 in der „Academia Amazonica“ konnten alle Beteiligten erleben, wie die Menschen in Yuvints diese Fragen aktiv angehen. Das Gästehaus bietet vor allem für Gruppen, die den „Urwald als Universität“, dessen Natur- und Kulturzusammenhang in seiner Vielfalt und die besondere Weltsicht ihrer Bewohner ernsthaft kennen lernen wollen, Raum und Austausch mit den Gastgeber_innen aus der Gemeinde. Hierfür und für andere Gemeinschaftsräume des Dorfes hat Holger Sandu im Rahmen seines Diploms als Ingenieur ein kleines Wasserkraftwerk entworfen und mit Dorfbewohnern zusammen gebaut. Viele aus seiner Gemeinde und auch seine Dozenten in der Stadt hatten ihm lange nicht zugetraut, dass er am Ende tatsächlich auf diese Weise Strom gewinnen könnte. Nun funktioniert es und ermöglicht Gästen wie Dorfbewohnern u.a. Computer zu benutzen um ihre Kontakte auch über die halbe Welt hinweg weiter zu pflegen.
Aber es gibt auch Beispiele, in denen die Art und Weise der Unterstützung durch Gelder aus dem Norden eher die Spaltung einer Gemeinde förderten als deren Entwicklung. Auf eines davon machten mich 2010 unsere Partner aus der afroecuadorianischen Region aufmerksam. Ein beträchtlicher Teil des primären Regen- und Mangrovenwaldes im nordwestlichen Küstenstreifen wurde durch Ölbaumplantagen, Shrimpsfarmen, Goldabbau u.a. innerhalb von nur 15 Jahren weitgehend zerstört. Nun können die Menschen keine Muscheln und Krebse mehr sammeln, um sich zu ernähren. Eine NGO förderte den Bau eines Hauses für ein Tourismusprojekt von Frauen. Nach mühseliger Aufbauzeit kamen die ersten Besucher. Da förderte eine andere NGO aus einem anderen Land mit einer anderen Gruppe von Dorfbewohnern ein weiteres Hostal für Touristen. Nun machten sich die beiden Einrichtungen Konkurrenz. Das Unternehmen der Frauen konnte sich darin nicht behaupten.

Soziale Kulturarbeit sprengt Grenzen – schafft Platz für Möglichkeitsräume

„Das Theater der Erfahrungen hat eben diesen Ansatz, Erfahrungen auszugraben, auf die Bühne zu bringen, Lernmöglichkeiten und Anlässe zum Dialog zu schaffen....
Ein Höhepunktwar deshalb die Erarbeitung kurzer Szenen in einem Theater- und Musikworkshop. Die Entwicklung einer kleinen Dramaturgie bot Anlass zur Arbeit in kleinen Gruppen von Studierenden der Alice Salomon Hochschule, alten Spieler_innen des ‚Theaters der Erfahrungen’ und jungen Erwachsenen aus Ecuador. In der Probe ging es anhand der Geschichte eines Vogels, der vergebens nach einem Platz der Ruhe sucht, um die Umweltproblematik nicht nur in Ecuador. Die Performance wurde in einer Kirchengemeinde... im Anschluss an einen Gottesdienst gezeigt und hatte eine ergreifende Wirkung. Auch in der Erarbeitung, im Prozess der Proben entstand eine unglaubliche Dynamik, die sämtliche Grenzen endgültig sprengte – zwischen den Beteiligten aus Ecuador, den Jungen und Alten deutscher und türkischer Herkunft. ‚Ich verstehe jetzt, dass in Europa auch um die Natur gekämpft wird, ich dachte hier sind alle viel sorgloser, aber mein Bild hat sich verändert’ wundert sich unser Gast Holger Sencham, nachdem Atiye und Mirican, zwei Spielerinnen (65 und 72 Jahre alt) von dem Kampf um den Gezi Park in Istanbul erzählt und vorgespielt hatten.“
Auszug aus Artikel von Johanna Kaiser, Professorin für Theater in Sozialen Feldern (Kaiser 2013)

14Eines betonen alle, die dabei waren immer wieder, jede und jeder auf ihre ganz persönliche Weise: wie bedeutsam es für sie wurde, die Dinge, die sie ändern und gestalten möchten, selbst in die Hand zu nehmen - und wie viel Energie, Freude und Inspiration ihnen dabei unsere gemeinsamen soziokulturellen Aktivitäten brachten.
Jiyunt Kaniras, aus einem Dorf weit im Urwald an der ecudaorianisch-peruanischen Grenze, argumentierte zu Beginn des Austausches in Deutschland vor großen Zuhörerschaften mit Leidenschaft für ihr Projekt einer „Englisch-Minga“. In Wachirpas lernt sie mit einer Gruppe junger Leute englisch. Gleichzeitig entwickeln sie an ihre Alltagskultur anknüpfende Lehr- und Lernmethoden, um diese Kenntnisse und Fähigkeiten dauerhaft an Kinder der Gemeinde weitervermitteln zu können. Jiyunt besteht darauf, dass sie selbst mit Behörden und Firmen verhandeln können müssen. Mit einem Hauch Sarkasmus bemerkt sie, dass deren Vertreter sicherlich nicht bereit sind, Achuar zu lernen. Und es macht aus ihrer Sicht keinen Sinn, weiter mit den Stimmen der Übersetzer_innen von außerhalb zu sprechen. Am Ende unserer zweiten Begegnung will sie ein weiteres Vorhaben angehen. Mit den alten Frauen ihrer Gemeinde wird sie Interviews führen und deren Arbeit und künstlerischen Tätigkeiten dokumentieren um ein Buch darüber zu schreiben. Holger Senchams Vision ist der Aufbau eines Treffpunktes für Jugendliche in seiner Gemeinde.
So regten sich die Partner mit ihren Projekterfahrungen immer wieder gegenseitig an. Besonders das seit 15 Jahren von Daniel Ortiz und Juan-Pablo Garces Caicedo aufgebaute Musik-Kulturprojekt in der kleinen Stadt Borbon bot zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Nachahmung. Die beiden setzen sich - unterstützt von anderen jungen Erwachsenen und auch im Austausch mit einem kleinen Verein aus Deutschland16 - mit ihrer Musik- und Tanzschule besonders für den Zusammenhalt in den Gemeinden ihrer Gegend ein. Sie baten die Älteren ihnen ihre Kenntnisse über Lieder, Instrumente und Tänze weiterzugeben. Um ihre Band „Madera Metalico“17 und die Musikschule sammeln sich an allen Wochentagen viele Kinder und Jugendliche des Ortes. Hier erhalten sie neben Möglichkeiten zur Kreativität und kultureller Betätigung auch Beratung und Unterstützung in ihren oft prekären Lebenssituationen. Mit der Marimba, dem Bombo und der Kununu im Boot fahren sie gemeinsam auch in andere Gemeinden, geben dort Workshops und Konzerte und sammeln dabei Geschichten, die jetzt gerade noch erzählt und aufgezeichnet werden können, bevor sie für immer verloren gehen. Einen eigenen Raum und finanzielle Sicherung ihrer Arbeit konnten Daniel und Juan Pablo auch nach all den Jahren ihres ehrenamtlichen Engagements immer noch nicht erhalten. Weil so die Zeit für die schlecht bezahlten Jobs immer wieder zu knapp wird, ist das für sie und ihre Familien nicht leicht. Aber die „Metalicos“ und die Jugendlichen beharren weiter auf ihrem Traum von einem selbst gestalteten Jugendkulturzentrum. Bis sie dessen Realisierung durchgesetzt haben werden, machen sie einfach weiter, auf der Straße, in der winzigen kleinen Werkstatt und wo man sie eben sonst ab und zu spielen und tanzen lässt.

„Ähnlich beeindruckend empfand ich die Atmosphäre an dem Abend in der DESI18, als die Madera Metalicos zusammen mit Musiker_innen aus Deutschland ein gemeinsames Konzert spielten. Während des Konzertes entschlossen sich Yanda (aus der Gruppe aus dem Amazonas) und Markus (Student des Projektseminars) zu der Musik zu singen bzw. zu rappen. Dabei handelten die Texte vor allem, von den unterschiedlichen Lebenswelten der Menschen hier und dort, aber auch von der Besonderheit der Begegnung und wie ein schönes und gutes Zusammenleben, das buen vivir, aussehen könnte. Kurze Zeit später folgten ihrem Beispiel Menschen, die dem Geflüchteten-Protest in Berlin angehören, und ebenfalls zu der Musik über ihre eigene Situation rappten. In diesem Moment trafen dort Menschen von verschiedenen und weit entfernten Ländern zusammen, um gemeinsam Musik zu machen. Dabei wurde mir noch einmal bewusst, wie durch Kulturarbeit, in diesem Fall Musik, eine Verständigung über Sprachgrenzen hinweg ermöglicht wird.“
Reflexion der Studentin Tina Mansius, Berlin 09/2013

15Die Reflexion zeigt, wie Musik der Madera Metalicos unseren Austausch immer wieder in Bewegung gebracht und der Gruppe neue Wege für Kommunikation und transkulturelle Erfahrungen eröffnet hat.
So wie hier spürten wir in all unseren Workshops entlang konkreter Geschichten und Themen den Veränderungen von Alltagskulturen nach. Exotisierende oder überhöhende Vorstellungen und Bilder gegenüber den „Anderen“ konnten so erkannt und Gegenentwürfe dazu gefunden werden. In der direkten Begegnung lassen sich romantisierende Projektionen wie die vom „edlen Wilden“, von unberührten, archaischen Lebensformen wie auch die vom sorglosen Leben im reichen Norden nicht ungebrochen aufrecht erhalten. Es entstehen ganz neue Fragen, die in ihrer Wirkung auch den Blick auf die eigene Kultur befremden können. Hierzu sind künstlerische Mittel der Auseinandersetzung besonders geeignet, da sie mit einer experimentellen Haltung in der Übertreibung, Kontrastierung, Spiegelung und mit Humor das scheinbar Vertraute, schon Gewusste für Umdeutungen und in unterschiedlichen Versuchsanordnungen auch für Neukonzeptionierungen freilegen.
Unser Austausch zeigt den kleinen Ausschnitt eines Möglichkeitsraumes im Crossover lebendiger, sich immer wieder neu erfindender Kulturarbeit auf der Suche nach Alternativen zu Ungerechtigkeit und Zerstörung der Grundlagen eines für alle möglichen guten Lebens. Und dies findet hier wie dort statt, in den Gemeinschaftsgartenprojekten der Großstädte, den immer wieder neu entstehenden gemeinschaftlichen Produktions- und Kulturexperimenten auf dem Land, auch in den reichen Weltregionen, oder im Zusammenschluss der indigenen Gemeinden verschiedener Völker zur Verteidigung ihrer Umwelt und zum Austausch ihrer unterschiedlichen Traditionen. Vielleicht  wird aus unserem Projekt ein kleines selbstbestimmtes Forschungslabor entstehen, in dem in einer lebendigen transkulturellen Zukunftswerkstatt zu den hier aufgeworfenen Fragen experimentiert werden kann.

Weitere Pläne

16Zurück im ganz normalen Alltag hat unser intensiver Austausch Wünsche nach Fortsetzung geweckt. Viele Gefühle bewegen die Teilnehmer_innen. Jede_r trägt nun etwas davon weiter mit sich, fühlt sich verantwortlich für die anderen, möchte nicht in Untätigkeit fallen, hat Zweifel an der eigenen Wirksamkeit, weiss nicht, worauf man sich konzentrieren sollte, findet nicht die erhoffte Resonanz bei den Menschen in seinem Umfeld, ... - Und dann gibt es gleichzeitig die Pläne und deren Umsetzung. Ein gemeinsamer Blog wird im Mai on-line gehen, zu einer Veranstaltung an der ASH im Juni in Berlin werden alle Interessierten, die im Laufe der Begegnung in Deutschland erreicht wurden eingeladen. Professoren der Universidad Central werden die ASH im Rahmen eines Symposiums zum Thema besuchen. Die Beteiligten in Ecuador werden sich weiter treffen und auch die neuen Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Kulturen in Amazonien und Esmeraldas weiter pflegen. Es werden Kulturveranstaltungen geplant und die Vernetzung mit den Künstlern und den Kultur- und Umwelt-Initiativen, mit denen wir in Ecuador zusammen kamen, soll ausgebaut und gefestigt werden. Ein Film (Kaiser 2013 b) über die Begegnung in Berlin ist bereits zu sehen, ein weiterer über den Austausch und seine Wirkungen wird entstehen.
Alle geben ihre Erfahrungen auf ihre vielfältigen Weisen weiter.

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Notes   

1  Dieser Text ist eine aktualisierte und erweiterte Fassung meines Artikels (Hemberger 2013). Mit einbezogen wurden Auszüge aus einem Artikel von Johanna Kaiser (Kaiser 2014) sowie aus Reflexionsarbeiten von an der Begegnung Beteiligten.

2  33% der Bevölkerung Ecuadors sind Indigene, 45 % Mestizen, 10% Weiße und 10 % Afroecuadorianer. Die Zahlenangaben sind widersprüchlich, meist wird von 13 Völkern mit eigener Sprache ausgegangen, die als „Nationalitäten“ anerkannt sind. (Kuhlmann u.a. 2007, 5)                                                                     

3   Begegnungen während des XIX (Kongresses der lateinamerikanischen Hochschulen für Soziale Arbeit -,)  „seminario latino-americano de escuelas de trabajo social“ in Guayaquil und mit Kolleg_innen an der Universidad Central del Ecuador und der Faculdad Lationamericana de Sciencias Sociales (FLACSO) in Quito, die beide zum Abschluss von Kooperationsverträgen mit der ASH führten.

4  Aus Amazonien kamen Jiyunt Uyunkar Kaniras, Achuar, Ernesto Olger Jencham Sandu, Shuar, und Lenin Francisco Montahuano Ushigua, Zapara, nach Berlin. Von der Musik- und Tanzschule „Madera metalicos“ aus Borbón Esmeraldas, kamen Maria Emilia Rivera Valencia, Carmen Orlanda Hurtado Angulo, Juan Pablo Garces Caicedo, Daniel Santo Ortiz Preciado.

5  Zu den theoretischen Hintergründen dieses Gedankens siehe Apitzsch und Schramm

6  Diese Überschrift ist dem gleichnamigen Artikel von  Alberto Acosta und Christian Cray  entlehnt. (Acosta / Cray 2013)

7  RESOLUTION 61/295, 107. Plenarsitzung  13.09.2007, in einer aufgezeichneten Abstimmung mit 143 Stimmen bei 4 Gegenstimmen und 11 Enthaltungen. http://www.un.org/esa/socdev/unpfii/documents/Declaration%28German%29.pdf, (Abruf: 12.10.2012, 13:37 h) Auf eine eindeutige Definition der Zugehörigkeit zu einem indigenen Volk konnte  man sich in der UN seit Jahren nicht einigen. Eine vorläufige Definition zieht folgende Punkte heran, die allerdings nicht vollständig erfüllt sein müssen: Zugehörigkeit zu der Gruppe der relativ „ersten“ Bewohner eines Gebiets, Selbstidentifikation, Nicht-Dominanz, kulturelle Eigenständigkeit.

8 Im Verlauf seines auf Einladung durch die Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Lateinamerika-Initiative der Deutschen Wirtschaft (LAI) erfolgten Besuches in Deutschland hielt Rafael Correa am 17.4.2013 eine Vortrag zum Thema: „Wege aus der Krise. Aufschwung und sozialer Ausgleich statt Rezession und Sparprogramme am Beispiel Ecuadors“. Im Audimax der Technischen Universität Berlin demonstrierte eine ca. 12-köpfige ihren Protest gegen die durch die Regierung Ecuadors vorangetriebene Ausbeutung von Bodenschätzen in der Region Intaq.

9  Diese NGO wird u.a. auch mit dem Hinweis angegriffen, dass ihre Aktivitäten aus Ländern wie den USA finanziert würden. Nicht durch ecuadorianische staatliche Stellen erwähnt wird, dass die Spenden von um den Regenwald Besorgten gesammelt werden, unter ihnen zahlreiche namhafte Künstler_innen und im Klimaschutz engagierte Personen, die mit großer Hoffnung auf die ecuadorianischen Entwicklungen der letzten Jahre geblickt hatten. http://www.pachamama.org/abou

10 Ausbeutung von Bodenschätzen als ideologisches Programm

11  von ca. 13 mio Ecuadorianer_innen lebten 2005 ca. 2 mio im Ausland. Binnenmigration, Saisonwanderung, aber auch Remigrationsbewegungen aus Europa haben seit 2000 stark zugenommen.

12  Z.B. besteht die einst zu den großen indigenen Volksgruppen gehörende Gruppe der Zapara heute nur noch aus 400 Mitgliedern. Es gibt nur noch 3 als ‚Großeltern’ bezeichnete Personen die noch umfangreiche Kenntnisse und Riten weitergeben können. Die Sprache ist ganz vom Aussterben bedroht. Dem werden verstärkte Anstrengungen zur Wiederbelebung in Schulen und durch kulturelle Aktivitäten entgegengesetzt.

13  Yuwints im Amazonas-Tiefland, ein kleines Dorf (Shuar), liegt mitten im ecuadorianischen Regenwald (Oriente), 6 Stunden Busfahrt von Puyo und 8 Stunden Fußmarsch von Macuma enfernt. - Die gesamte Austauschgruppe ist von Holger Sandu Sandu und seiner Familie in das Gästehaus der Academia Amazonica, einem Gemeinschaftsprojekt der Gemeinde, eingeladen worden.

14 Das "BuenVivir" stellt das menschliche Zusammenleben nach ökologischen und sozialen Normen ins Zentrum seiner Philosophie. Gutes Leben bedeutet in diesem Kontext mehr als wirtschaftliches Wachstum und materieller Wohlstand. Zentral ist ein gemeinschaftliches Leben im Einklang mit und nicht auf Kosten der Natur und anderer Menschen sowie die Wahrung kultureller Identitäten. http://www.attac-netzwerk.de/ag-lateinamerika/buen-vivir/

15  Es soll hier aber nicht unerwähnt bleiben, dass nach wie vor Indigene von Krankenhäusern abgewiesen oder als Patienten dritter Klasse unzureichend behandelt werden.

16  Seit 10 Jahren haben Musikerinnen aus beiden Weltregionen mehrere Austauschprojekte, Ausstellungen und zahlreiche gemeinsame Konzerte realisiert. http://www.proyecto-vision.de/

17 http://maderametalicos.wordpress.com/la-cultura-de-borbon/  (Abrufdatum: 267.5.2013)

18  Jugend-Kulturprojekt in Berlin

Citation   

Ulrike Hemberger, «Ein gutes Leben – für alle!», Filigrane. Musique, esthétique, sciences, société. [En ligne], Numéros de la revue, Edifier le Commun, I, Buen Vivir et Commun(s), mis à  jour le : 22/03/2016, URL : https://revues.mshparisnord.fr:443/filigrane/index.php?id=715.

Auteur   

Ulrike Hemberger